Flow oder Stress – was macht den Unterschied?

Flow oder Stress Zeitmanagement BerlinDie allermeisten Menschen sind im Beruf und auch privat extrem eingespannt. Für die einen ist dies purer Dauer-Stress. Für andere ist es beflügelnd, viel zu tun zu haben. Sie kommen in den Flow. Sigrid Jo Gruner gehört zur zweiten Gruppe und beschreibt in diesem Gastartikel ihre Voraussetzungen für den Flow – es hat viel mit der eigenen

Bewertung der Umstände zu tun. Herzlichen Dank für diesen  Artikel!

Du liebe Zeit – wo blieb die Zeit?

Zeit verrinnt mit jeder Sekunde. Unaufhaltsam. Einige der wenigen ungelösten Rätsel der Menschheit. Früher – in archaischen uhrzeitfreien und kalenderlosen Zeiten – orientierte man sich am Stand der Gestirne. Man verabredete sich für die Zeit, wenn die Sonne am höchsten stand. Das setzte eine gewisse Gelassenheit voraus. Und Muße. Besser: Man/frau kannte es gar nicht anders.

Heute wollen die Menschen aus ihrer Lebenszeit das Optimum machen. Im Business ist Zeit Geld – heißt es. Und privat? Auch hier setzen sich viele Menschen unnötigerweise einem enormen Leistungsdruck aus. In der Fülle der gängigen Zeitmanagement-Tools das richtige für sich herauszufinden kostet – Zeit! Manchmal mehr als man bei seiner Nutzanwendung sparen kann.

Stress ade! Mit seiner Zeit gut haushalten – das wollen wir wohl alle

Dass To-do-Listen mit Prioritäten weiterhelfen, weiß wohl jeder, der im Beruf steht. Doch sind die kleinen Monster, die uns Zeit wegfressen, sehr unterschiedlich geartet, oft tarnen sie sich mit guter Absicht. Mental haben wir wohl alle eine konkrete Ahnung – ähnlich wie bei gesunder Ernährung – wo der Hase im Pfeffer liegt. Aber zu wissen heißt noch lange nicht, umsetzen zu können. Man ertappt sich immer wieder bei Barrieren, Blockaden, auch Selbstanklagen oder Selbstvorwürfen – und dem kläglichen Gefühl von Unzulänglichkeit. „Ich könnte viel mehr aus meiner Zeit machen“, was impliziert: aus meinem Leben machen.

Die eigene Lebenszeit ist kostbar und nicht kalkulierbar. Zu wissen, dass man nicht weiß, wie viel Zeit bleibt um das, was man gerne realisieren würde, umzusetzen, kann verunsichern. Etwas vermeiden zu wollen, von dem man nicht genau weiß, wie es sich überhaupt anfühlt, kann Negativstress bereiten und eine gewaltige Blockade darstellen. Dabei gewinnt der Begriff „Zeitvertreib“ eine ganze andere Färbung.

Blockaden sind kontraproduktiv und Ausdruck von innerer Verkrampfung

Manchmal liegt der Fehler darin, dass man seine To-do-Listen zu sehr aufbläht, manchmal aber auch, dass man sich zu wenig vornimmt. Tatsächlich wirkt sich – meiner Beobachtung nach – wenig zu fordern noch fataler aus! Fülle kann überschwemmen, aber auch vorantreiben. Je mehr To-dos meine Liste anreichern, desto mehr Antrieb verspüre ich, sie in sinnvolle Einheiten zu gliedern, nach Wichtigkeit und Dringlichkeit zu sortieren und zu priorisieren. Im Gefühl von Überfluss gehe ich sorgsam mit den Zeiteinheiten um und achte darauf, ihnen einen sinnvollen Rahmen zu geben.

Wie viel Zeit mich ein Job, eine Aktion, eine Handlung kosten wird und zu welchem präzisen Zeitpunkt ich diese ausführen werde, versuche ich umso straffer zu definieren, je weniger Zeit ich habe und je voller meine Aufgabenliste ist. Dabei habe ich festgestellt, dass die Einteilung in Sachkontexte (Privat, Organisation, Administration, Finanz-Buchhaltung, Business) und hier wiederum in Einzelsujets (Beispiel Business: Projekte, Kunden, Eigen-PR, New Bizz, Recherche, Texten u.a.) mir einen erleichternden Überblick verschafft.

Nun habe ich den „Feind“ im Blick und kann mich ihm stellen. Die Aufgaben werden dadurch nicht weniger in Zahl und Umfang, aber greifbarer und kalkulierbar. Sie erhalten klare Konturen und ein Gesicht. Sie können sich nicht mehr „wegducken“ in der Menge.

Wann waren Sie letztmals im „Flow“?

Flow bezeichnet den beglückenden und fast selig zu nennenden Zustand von völliger Welt- und Selbstvergessenheit, wenn man derartig tief in eine Tätigkeit absorbiert ist, dass alles andere bedeutungslos wird.

Das setzt die Bereitschaft voraus, ein wenig Selbstkontrolle abzugeben und „es“ machen zu lassen. Eine Science-Fiction-freie Gewalt nimmt uns gefangen, und wir tun gut daran, uns ihr so widerstandslos hinzugeben wie man sich in eine Meereswoge schmiegt. Im Flow läuft alles reibungsloser, als man es sich je hätte vorstellen können. Die sich einfindende Euphorie ist diesem Prozess höchst zuträglich. Das Belohnungszentrum im Gehirn giert nach Futter – einem Hochgefühl, das uns befriedet. Es braucht die kleinen, anfeuernden Blitze, die beflügelnden Häppchen aus Endorphinen, Dopamin und Serotonin, die uns in Bestlaune versetzen. Und gut gelaunt, gut drauf, läuft (fast) alles wie von selbst.

Auf mental-greifbarer Ebene spielt sich im Flow-Zustand einiges ab!

Um in den Flow zu kommen, müssen Bewusstsein und Unterbewusstsein einiges erledigen. Aber keine Sorge, das ist keine Schwerarbeit. Und natürlich müssen nicht alle Faktoren zusammentreffen (idealerweise schon ):

  • Ich erkenne, welchen Wert das, was ich tue, für mich hat. The reason why! Je greifbarer desto anspornender. Wenn mein Gefühl mir sagt: „Danach kannst du ruhigen Gewissens im Wellnesscenter abtauchen“, dann erledige ich die wöchentliche Buchhaltung und freue mich auf mein Saunabad.
  • Ich fühle, dass ich es innerlich wirklich will. Tun wir nicht alle mal Dinge, die uns im Grunde widerstreben? Eine schlimmere Blockade gibt es kaum.
  • Ich kann es in einen systemischen Zusammenhang einordnen, soll heißen: Es zieht Kreise, wenn ich eine Aufgabe erledige. Es hat (positive) Konsequenzen und (konstruktive) Folgen und wirkt sich auch für andere sinnvoll aus.
  • Es entspricht einer sinngebenden Strategie, keiner kurz gefassten Taktik. Strategie liegt in fast allem, was wir tun, unbewusst oder bewusst. Das setzt eine gewisse Einsicht in die mögliche Unzulänglichkeit von Planung voraus und die Gelassenheit, diese zu akzeptieren.
  • Ich kann mich wohl damit fühlen. Was meiner inneren Haltung und/oder ethischen Einstellung widerspricht, wird mein Unbewusstsein blockieren. Die Symptome zeigen sich schnell: Das Bauchhirn ist nicht weniger klug als das Gehirn im Schädel und zeigt uns mit Magengrummeln oder akuter Migräne oder Mattigkeit, unerklärlichem Fließschnupfen oder Glieder- und Gelenkschmerzen, dass etwas schief läuft.
  • Ich kann eine Aufgabe vorab im Groben durchschauen und die für die Realisierung nötige Zeitmenge einschätzen. Unkalkulierbare Zeiteinheiten machen mich nervös und hibbelig.
  • Ich fühle mich selbstbestimmt. Das Gefühl, dass mir etwas aufgezwungen wurde, lähmt mich, macht grantig. „NEIN“ sagen, hilft, auch wenn es Mut erfordert.
  • Ich freue mich über die eher intuitiven Entscheidungen, die aus der Tiefe auftauchen und die der Kopf sich nicht erklären kann. Diese sind die besten.
  • Eine Aufgabe zu erledigen könnte sich attraktiv und entwicklungssteigernd für mich anfühlen. Etwa ein tolles Feedback, ein Lob, das nach außen dringt, ein Schub meiner Reputation, ein wertschätzendes Honorar, das ich auch als verdient empfinde, eine positive Folge, die sich bereits im Vorfeld abzeichnet.
  • Eine Aufgabe zu erledigen bereitet mir Freude und entspricht meinen Möglichkeiten, Fähigkeiten und Talenten. Weder Unterforderung noch Überforderung noch Perfektionsdrang sind hier zielführend.

Was folgt daraus?
Ob ich mich durch meine Aufgaben gestresst fühle oder sich Flow einstellt, hat viel damit zu tun, wie ich sie und ihre Konnotationen erlebe und bewerte. Und wie sie meine innere Haltung prägen: selbstbestimmt oder ausgeliefert.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit?

Marcel Prousts alternder Protagonist in „A la recherche du temps perdu“ reflektiert in diesem Jahrhundertwerk über sein Leben und erkennt schlussendlich, dass die Vergangenheit nur in der Erinnerung besteht. Bedauern stellt sich ein, dass er über dem Vertreiben von Zeit versäumt hat, das zu tun, was er sich im Innersten zu tun wünschte. Und am Ende des Romans beginnt er den Roman seines Erinnerns zu schreiben, den der Leser gerade rezipiert hat. Ein Impuls, den wir alle aufgreifen könnten.

Aber – soll ich Ihnen mal was sagen? – Im Grunde weiß das jeder für sich selbst am allerbesten! Dankeschön, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mir bis hierher zu folgen. Ich hoffe, Sie halten es jetzt nicht für „verlorene Zeit“.

Sigrid Jo Gruner
Autorin, Journalistin, Imagetexterin & PR-Beraterin Sigrid Jo Gruner verfasst als MissWord! Webcontent, Magazin, Pressetext, Unternehmenspublikation, E-Book, als Ghostwriterin Reden, Artikel und Bücher. In Strategieworkshops entwickeln Unternehmen und selbstständige Freiberufler mit MissWord! stimmige Positionierungen, Kernaussagen, Business- und Imagetexte und passgenaue Corporate Words.

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